"Und er wird es wieder tun" publiziert am 25. November 2018

Interview mit Simone Schmollack, taz-Journalistin und Buchautorin


Jede vierte Frau in Deutschland hat mindestens einmal in ihren Leben häusliche Gewalt erlebt. Mit ihrem Buch „Und er wird es wieder tun“ rückt die Autorin Simone Schmollack die Thematik in den Fokus. Mit einer Kombination aus echten Fallgeschichten, Darstellung der Faktenlage und dem Aufzeigen von Hilfsangeboten möchte die Autorin Betroffenen Mut machen, aber auch Aufklärungsarbeit leisten.  Natascha Neidinger sprach mit Simone Schmollack.

 

Frau Schmollack, was hat Sie veranlasst, das Buch „Und er wird es wieder tun“ zu schreiben? 

Es gibt bisher viel Fachliteratur für Soziologen oder Mitarbeitende sozialer Einrichtungen. Die Kombination aus Fallgeschichten, Faktendarstellung und der Vorstellung von Hilfsangeboten gab es noch nicht. Ich will Betroffenen Mut machen, sich gegen die Gewalt zu wehren, ihnen aufzeigen, dass es einen Ausweg gibt. Einige Frauen haben sich nach der Veröffentlichung bei mir gemeldet und gesagt „Ich dachte, ich sei die Einzige.“ Durch das Buch haben sie erkannt, dass es vielen anderen Frauen auch so geht und, dass sie sich wehren können. 

 

Ihnen geht es also vor allem darum, Betroffene zu erreichen und ihnen Mut machen? 

Ja, in erster Linie schon. Aber ich möchte auch in der Gesellschaft auf die Thematik aufmerksam machen. Im November ist das Thema „Gewalt gegen Frauen“ traditionell stark in den Medien vertreten. Am 25. November ist „Internationaler Gedenktag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“. In den übrigen Monaten gibt es aber kaum Aufmerksamkeit. Mit dem Buch möchte ich zumindest ein bisschen kontinuierliche Präsenz schaffen.  

 

War es schwierig, betroffene Frauen zu finden, die bereit waren, über ihre Erfahrungen zu berichten? 

Ja, sehr schwer. Ich war in Beratungsstellen und in Frauenhäusern, um mein Projekt vorzustellen. Dort habe ich meine Kontaktdaten hinterlassen. Es haben sich auch regelmäßig einige Frauen gemeldet. Zum Interview kam es letztendlich trotzdem selten. Diese Frauen haben sich meist erst kürzlich von ihrem Partner getrennt, sind teilweise geflüchtet. Sie befinden sich noch im Verarbeitungsprozess. Das heißt, sie müssen das Erlebte verarbeiten, sind zwischen der Hoffnung auf eine gewaltfreie Zukunft und der Angst vor ihrem Ex-Partner hin- und hergerissen. Sie müssen ihre Kinder schützen und sich ein neues Leben aufbauen. Da ist es schwer, sich auf ein Interview einzulassen. 

 

Der Fokus liegt auf Gewalt gegen Frauen. Absichtlich, oder haben Sie keine betroffenen Männer gefunden? 

Die Zahlen belegen, dass Frauen häufiger von partnerschaftlicher Gewalt betroffen sind als Männer. Daher denke ich, dass der Fokus richtig gewählt ist. Grundsätzlich gibt es aber auch partnerschaftliche Gewalt gegen Männer. Daher darf dieser Bereich nicht außen vor bleiben. In meinem Buch werden auch die Fallgeschichten zweier Männer erzählt. Allerdings ist es noch schwieriger, betroffene Männer zu finden, die bereit sind ihre Geschichte zu teilen. Bei ihnen ist die Scham meist noch größer. Sie fühlen sich als Versager und haben Angst als unmännlich wahrgenommen zu werden. Bei Männern spielt vor allem psychische Gewalt, die gegen sie ausgeübt wird, eine große Rolle. Das verkompliziert die Situation. 

 

Warum? Ist es schwieriger mit psychischer Gewalt umzugehen als mit physischer? 

Psychische Gewalt ist viel weniger greifbar. Sie ist ja nach außen hin nicht sichtbar. Die Betroffenen bemerken zu Beginn meist gar nicht, wie stark auf sie eingewirkt wird. Es ist zunächst nur so ein Gefühl. Die Zersetzung, die diese Form der Gewalt mit sich bringt, ist ein schleichender Prozess. Hinzu kommt, dass diese Form von Gewalt häufig noch stärker verharmlost wird als körperliche Gewalt. 

 

Sie haben sehr tiefe Einblicke in die Gefühlswelt der Betroffenen erhalten. Was war der bewegendste Moment bei Ihren Recherchen? 

Ich beschäftige mich schon sehr lange mit der Thematik und dachte, ich sei gut darauf vorbereitet. Aber für das Buch musste ich mich viel tiefer in die Geschichten einarbeiten als zuvor. Das hat mich dann doch stärker berührt, als ursprünglich gedacht.  Die Begegnung mit einer asiatischen Frau war besonders bewegend. Sie ist die einzige Frau in meinem Buch, die noch in der Partnerschaft lebt. Drei Tage habe ich auf sie gewartet, um das Interview zu führen. Sie hatte immer nur kurze Zeitfenster, in denen sie unbeobachtet das Haus verlassen konnte. Eine Art Gefangenschaft und das mitten in Deutschland. 

 

Warum setzen sich die betroffenen Frauen nicht stärker zur Wehr?

Viele können sich die Probleme lange Zeit selbst nicht eingestehen und verdrängen sie. Sie haben Angst davor, was passiert, wenn das Bild, das sie nach außen tragen – die perfekte Beziehung – plötzlich zerbricht.  Dazu kommt: Wenn sie anfangen sich Freunden oder in der Familie anzuvertrauen, werden die Probleme häufig verharmlost. Das Fehlverhalten wird auf viel Stress beim Partner geschoben. Häufig geben sich die Frauen auch eine Mitschuld und sehen die Ursache in ihrem eigenen Verhalten. 

Bei Frauen mit Migrationshintergrund ist dieses Problem noch stärker. Es fehlt häufig ein Zufluchtsort. Wenn sie sich von ihrem Partner trennen würden, müssten sie zurück in ihr Herkunftsland. Dort bedeutet eine Trennung vom Partner häufig noch den sozialen und gesellschaftlichen Absturz. Ihnen scheint die Situation ausweglos und so verharren sie darin. 

 

Was meinen Sie, warum partnerschaftliche Gewalt häufig verharmlost wird? 

Wie gesagt, wird es häufig heruntergespielt, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Hinzu kommt, dass gerade diese Gewalt meist schwer zu beweisen ist. Sie passiert zu Hause in den eigenen vier Wänden und es gibt keine Zeugen. 

 

Was muss sich in der Gesellschaft ändern, damit Frauen sich stärker wehren?

Es muss Aufklärungsarbeit geleistet werden, und die Frauen brauchen das Gefühl, nicht alleine zu sein. Auch die Hilfsangebote müssen präsent sein, damit Frauen in Not wissen, wohin sie sich wenden können. Inzwischen liegen bei vielen Ärzten Informationsflyer aus und über das Internet finden sich gute Informationen. Über Plakate oder ähnliches sollte die Thematik dauerhaft präsent bleiben, um verstärkt in die Wahrnehmung zu rücken. Dadurch werden auch Menschen, die selbst nicht betroffen sind, sensibilisiert. 

 

Zur Person

Simone Schmollack ist Journalistin und Buchautorin. Sie war über zehn Jahre bei der taz und von Dezember 2017 bis Juni 2018 Chefredakteurin der Wochenzeitung "Der Freitag". Sie studierte von 1984 bis 1989 Germanistik und Slawistik in Leipzig und Smolensk (Russland) 

sowie Journalistik an der Freien Universität in Berlin. Sie ist Autorin mehrerer Bücher, u.a. „Und er wird es wieder tun“, Westend Verlag, 2017